3 Sozialisation


Sozialisation

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So|zi|a|li|sa|ti|on 〈f. 20; unz.〉 allmähliches Hineinwachsen des Menschen in die Gesellschaft

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So|zi|a|li|sa|ti|on, die; - (Psychol., Soziol.):
[Prozess der] Einordnung des (heranwachsenden) Individuums in die Gesellschaft u. die damit verbundene Übernahme gesellschaftlich bedingter Verhaltensweisen durch das Individuum:
frühkindliche S.

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I
Sozialisation
 
die, -, zentraler Begriff der Verhaltens- und Sozialwissenschaften zur Beschreibung der »soziokulturellen Geburt« (R. König) des Menschen, d. h. des Prozesses des Hineinwachsens des Menschen in gesellschaftliche Struktur- und Interaktionszusammenhänge (z. B. in Familie, Gruppen, Schichten) und dessen Ergebnisses, seine »Konstituierung« als soziale, gesellschaftlich handlungsfähige Persönlichkeit.
 
 Begriffsgeschichte und Theorien
 
Die Bestimmung des Sozialisationsbegriffes war seit seiner wissenschaftlichen Erstverwendung durch É. Durkheim zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht immer eindeutig. Zum einen meint er die Anpassung des Individuums an die gesellschaftlichen Rollen- und Verhaltensanforderungen (affirmative Funktion), zum anderen die Entwicklung des Menschen zur autonomen, gefestigten Persönlichkeit (emanzipatorische Funktion). Im Rahmen dieser Begrifflichkeit werden Familie, das engere soziale Umfeld, Schule, Universität, Ausbildungsstätte, Betrieb, Kirche, Militär und traditionelle Vereine als Sozialisationsinstanzen angesehen, die überwiegend im Sinne des affirmativen Funktionsverständnisses wirken. - In den neueren Begriffsverwendungen findet der Gesichtspunkt der Eigentätigkeit des Menschen bei der Gestaltung und Entwicklung seiner Persönlichkeit, der Prozess der Auseinandersetzung eines Menschen mit gesellschaftlichen Werten, Normen und Handlungsanforderungen stärkere Beachtung. Die neuere Forschung zeigt, dass Menschen in allen Lebensabschnitten sich auf individuelle Weise mit ihrer sozialen und räumlichen Umwelt auseinander setzen und durch eigenes, aktives Handeln auf sie einwirken.
 
 Phasen und Instanzen der Sozialisation
 
Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess. In den frühen Sozialisationsphasen werden die Grundstrukturen der Persönlichkeit in den Bereichen Sprache, Denken und Empfinden herausgebildet und die fundamentalen Muster für soziales Verhalten entwickelt. Das elementare Erlernen von sozialen Regeln und Umgangsformen in der frühen Kindheit, das überwiegend in Familien stattfindet, wird aus diesem Grund oft als primäre Sozialisation bezeichnet (F. Neidhardt). Die darauf aufbauende Weiterentwicklung und Variation von Verhaltensmustern wird in Abgrenzung hiervon als sekundäre Sozialisation bezeichnet. Sie setzt etwa nach Vollendung des dritten Lebensjahres ein, doch sind die Grenzen zwischen diesen beiden Phasen fließend. Während der sekundären Sozialisation lernt das Individuum, welche Verhaltensweisen in einer bestimmten Situation erwartet werden, tolerierbar sind oder Tabus verletzen. Außerdem werden Formen des sozialen Umganges, soziale Regeln, die Interaktionsmuster der Rollen sowie Denkweisen und Einstellungen vermittelt, wie sie in der Gesellschaft vorherrschen und in Brauch, Sitte und Recht ihren Niederschlag finden oder als Konvention oder Mode einen mehr oder weniger hohen Grad der Verbindlichkeit erlangen. Im Bereich der Motivationsbildung entsteht durch die Sozialisation die Fähigkeit, die unmittelbare Befriedigung von Bedürfnissen aufzuschieben; außerdem werden spezifische, für die Gesellschaft bedeutsame Motive wie Leistungsstreben und altruistische Motive ausgebildet oder verstärkt. Schließlich werden die kulturellen Inhalte vermittelt. Wesentliches Medium der sekundären Sozialisation ist die Sprache, die in ihrem Begriffssystem sowie den grammatikalischen Strukturen auch die Formen sozialen Zusammenlebens und seiner Bedingungen widerspiegelt. Unterschiede im Sozialisationsergebnis innerhalb einer Gesellschaft haben neben Differenzen in der Erbanlage ihre Ursache in verschiedenen Methoden der Erziehung sowie in der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Schichten, die zum Teil jeweils für sich Subkulturen bilden. Die Muster der »gesellschaftlichen Normalität« (»Normalbiographie«) haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt. Die Spielräume für die individuelle, eigenständige Gestaltung des Lebenslaufs sind größer geworden, zugleich damit die Anforderungen, den Lebenslauf selbst zu strukturieren und nach eigenen Maßstäben zu gestalten.
 
Zu den wichtigsten, von der Gesellschaft meist bewusst eingerichteten Sozialisationsinstanzen gehören Familien, Bildungseinrichtungen (Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Weiterbildungseinrichtungen) sowie Pflege- und Hilfseinrichtungen. Die Familie ist v. a. für die primäre Sozialisation verantwortlich, während in Schulen intellektuelle und soziale Kompetenzen trainiert werden. Schulen haben dabei im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Funktionen auch die Aufgabe, auf die Übernahme einer späteren verantwortlichen Familienrolle, einer Bürgerrolle und einer Berufsrolle vorzubereiten.
 
 Lebenslage und Sozialisation
 
Die Sozialisationsforschung hat durch viele Untersuchungen zeigen können, dass Menschen in gleicher Lebenslage ähnliche Wertvorstellungen, Einstellungen und Verhaltensweisen entwickeln. Besonders persönlichkeitsprägend sind Qualität und Länge der Ausbildung und die damit eng verbundene Art und Weise der Arbeits- und Berufstätigkeit; die Erfahrungen der Eltern wirken sich deutlich auf den Sozialisationsprozess der Kinder aus. Daneben spielen materielle und soziale Bedingungen der Familien (z. B. die Qualität der Wohnung, die gesamte Wohnsituation) eine wichtige Rolle. Von großer Bedeutung für die Sozialisation ist der Stil der Kommunikation, den die Eltern mit ihren Kindern pflegen.
 
In einem qualifizierten Beruf und in der Kommunikationsfähigkeit der Eltern sowie in einem kulturell und sozial gut ausgestatteten Umfeld sind u. a. die Gründe dafür zu suchen, dass Kinder aus sozial besser gestellten Schichten der Bevölkerung im Durchschnitt über bessere schulische Leistungserfolge verfügen. Langfristig führt diese Entwicklung dazu, dass diese Kinder auch mit besseren Schulabschlüssen die Schule verlassen und, wie ihre Eltern, in gehobene und karrieremäßig aussichtsreiche berufliche Positionen gelangen können.
 
Die unterschiedlichen sozialen, ökonomischen und infrastrukturellen Bedingungen, die ein Mensch in Familie, Ausbildung und Beruf vorfindet, hinterlassen nach den Erkenntnissen der Sozialisationsforschung ihre Spuren in einem spezifischen Lebensstil. In der Regel gilt, dass Menschen in privilegierter Lebenssituation auch im Blick auf die Planung und Gestaltung ihres eigenen Lebens bewusster und längerfristig vorausschauend sind. Menschen in weniger privilegierten Lebenslagen, die etwa durch materielle Mängellagen, viele negative Lebensereignisse, ungünstige Wohnbedingungen u. ä. gekennzeichnet sind, zeichnen sich im Vergleich stärker dadurch aus, dass sie oft kürzerfristige und auf unmittelbare Befriedigung ausgerichtete Lebenskonzeptionen entwickeln.
 
Besonders in sozialen Extremsituationen (z. B. Armut, Arbeitslosigkeit, schwere Krankheit, aber auch Auflösung der Partnerschaft) kann es zu einem hohen Ausmaß von psychosozialer und psychosomatischer Beeinträchtigung von Menschen kommen. Da sich in den heutigen Industriegesellschaften die traditionellen (Familien-)Bindungen und »natürlichen« sozialen Netzwerke mehr und mehr lockern, wofür u. a. der hohe Anteil von Ehescheidungen, die Zunahme von Kleinstfamilien (ein Elternteil und ein Kind) und die wachsende Zahl von Single-Haushalten Ausdruck sind, kommt der Intensivierung anderer Formen der Sozialkontakte eine stetig wachsende Bedeutung zu. Besonders wichtig sind hier zum einen Nachbarschafts-, Freundschafts- und Berufskontakte, Vereins- und Verbandsbezüge, zum anderen die mehr formellen und professionell organisierten Unterstützungen durch soziale, psychologische und auch medizinische Dienste.
 
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Erziehung · Jugend · Familie · Kind · Leistungsgesellschaft · Lernen · Persönlichkeit · Rolle · Schule
 
 
A. Bandura u. R. H. Walters: Social learning and personality development (Neuausg. London 1970);
 
Frühkindl. S., hg. v. F. Neidhardt (21975, Nachdr. 1995);
 R. Dahrendorf: Homo Sociologicus (151977);
 D. Claessens: Familie u. Wertsystem (41979);
 
Entwicklungspsychologie der Lebensspanne, hg. v. P. B. Baltes u. a. (1979);
 
S. im Erwachsenenalter, hg. v. H. M. Griese (1979);
 B. Bernstein: Studien zur sprachl. S. (a. d. Engl., Neuausg. 1981);
 H. Bertram: Sozialstruktur u. S. (1981);
 M. L. Kohn: Persönlichkeit, Beruf u. soziale Schichtung (a. d. Engl., 1981);
 U. Bronfenbrenner: Die Ökologie der menschl. Entwicklung (a. d. Engl., Neuausg. 1989);
 D. Geulen: Das vergesellschaftete Subjekt (Neuausg. 1989);
 K. J. Tillmann: S.-Theorien (1989);
 
Neues Hb. der S.-Forschung, hg. v. K. Hurrelmann u. a. (41991);
 K. Hurrelmann: S. u. Gesundheit (31994);
 K. Hurrelmann: Einf. in die S.-Theorie. Über den Zusammenhang von Sozialstruktur u. Persönlichkeit (61998);
 L. Schenk-Danzinger: Entwicklung - S. - Erziehung, 2 Bde. (1-31988-96, Bd. 2 Nachdr. 1993);
 T. Parsons: The social system (Neuausg. London 1991);
 J. Piaget: Psychologie der Intelligenz (a. d. Frz., Neuausg. 21992);
 E. H. Erikson: Kindheit u. Gesellschaft (a. d. Engl., 121995);
 J. Mansel: S. in der Risikogesellschaft. Eine Unters. zu psychosozialen Belastungen Jugendlicher. .. (1995);
 H. Fend: Sozialgesch. des Aufwachsens (31996);
 J. Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde. (Neuausg. 21997).
II
Sozialisation
 
(Sozialisierung), der Prozess der stetigen Anpassung eines Individuums (v. a. Kinder und Jugendliche) an die Normen und typischen Verhaltensweisen einer bestimmten Gesellschaft oder Gesellschaftsschicht. Der Begriff Sozialisation bezieht sich auf denselben Sachverhalt, der in der Pädagogik traditionellerweise mit dem Terminus funktionale Erziehung bezeichnet wird, beschreibt diesen aber treffender und weniger missverständlich, weil die Gesellschaft als erziehende Instanz benannt wird. Ziel der Sozialisation in diesem Sinne ist der Ersatz äußerer Anweisungen durch innere Kontrollen.
 
Die frühkindliche Sozialisation wird auch als primäre Sozialisation bezeichnet. Die Muster, die das Kind in der Familie (familiäre Sozialisation) erlernt, beeinflussen in vielfacher Hinsicht auch sein Verhalten in der Schule, werden von dieser aber durchaus auch modifiziert (schulische oder sekundäre Sozialisation). Da Sozialisation als ein lebenslanger Prozess des Lernens und der Anpassung verstanden werden muss, kann schließlich auch im beruflichen Bereich (berufliche Sozialisation) und darüber hinaus von einer tertiären Sozialisation gesprochen werden.
 
Andere Bezeichnungen, die als Ersatz für den Begriff Sozialisation vorgeschlagen wurden, sind Enkulturation und Personalisation.
 
Als Sozialisationsinstanzen werden alle gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen wie Familie, Schule, berufliche Ausbildungsstätten, Kirche bezeichnet, die Sozialisationsprozesse in Gang setzen und beeinflussen und damit bestimmte Normen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen vermitteln.

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So|zi|a|li|sa|ti|on, die; - (Soziol., Psych.): [Prozess der] Einordnung des (heranwachsenden) Individuums in die Gesellschaft u. die damit verbundene Übernahme gesellschaftlich bedingter Verhaltensweisen durch das Individuum: frühkindliche S.; S., die Vergesellschaftung der inneren Natur (Habermas, Spätkapitalismus 26).

Universal-Lexikon. 2012.

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